„Du Rabenmutter!“ Was das Eigen- & Fremdbild machen

Erziehung und Erfahrungen prägen uns, unser Weltbild und unsere Moralvorstellungen. Halten sich andere nicht an unsere Regeln, kommt es manchmal schnell zur Verurteilung. Gerade zu Müttern driften die Wertvorstellungen teilweise massiv voneinander ab. Aber ab wann genau gilt man als Rabenmutter?

Rabenmutter | BildID: #109108859 © Karin & Uwe Annas | Fotolia.com

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Die Supermami und die Rabenmutter

Es gibt Frauen, die voll und ganz in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter aufblühen. Sie lieben es, die Kinder zu erziehen und das Familienleben zu managen. Sie schmeißen den Job hin, um sich ganz auf das „eigene kleine Familienunternehmen“ zu konzentrieren. Und dann gibt es die anderen Mütter. Diejenigen, die nicht alles hinschmeißen und sich den ganzen Tag um Haushalt, Kinder und Mann kümmern möchten. oft driften genau zwischen diesen Frauen die Weltvorstellungen auseinander. Die Supermami missbilligt die Frau, die sich neben der Familie auch noch um ihren Job bemüht. Oft stempelt sie diese Frau schnell als Rabenmutter ab. Denn eine „richtige Mutter“ bleibt schließlich zu Hause. Sie ist die Supermami, die 7 Tage die Woche für ihre Familie greifbar ist. 24 Stunden am Tag. Ein Auge drückt die Supermami vielleicht noch zu, wenn die berufstätige Mami nur in Teilzeit arbeitet. Mit 15 oder 20 Stunden pro Woche kümmert sie sich zwar sicher nicht so toll um die Kinder wie die Supermami. Aber das ist immer noch besser als die Rabenmutter, die in Vollzeit arbeitet.

Die andere Mami, die arbeiten geht, hat sich die Situation nicht immer selbst ausgesucht. Aber selbst wenn, dann ist es ihr Weltbild, dem sie folgt. Es gibt verschiedene Gründe, warum Mütter arbeiten gehen. Drei davon sind aber vermutlich die Gängigsten:

  • Die Familie ist auf das zweite Einkommen – auf das Gehalt der Mutter – angewiesen.
  • Die berufstätige Mami ist alleinerziehend und muss den Lebensunterhalt für ihre Familie verdienen.
  • Die Frau liebt ihren Job, blüht darin auf und sieht darin ihre Selbstverwirklichung.

Das Handbuch für die gute Hausfrau

Der Supermami ist es egal, warum die andere arbeiten geht. Oft hinterfragt sie die Gründe nicht, sondern wertet hart in ihrem Urteil. Aber nicht nur die Supermami stempelt die berufstätige Mama als Rabenmutter ab. Kolleginnen und Kollegen, Freunde, Verwandte – Männer und Frauen. Das Rollenbild der Mama ist klar definiert. Sie ist zu Hause, versorgt die Kinder und stärkt dem Mann den Rücken. Es war schließlich früher schon so. Und warum sollte man bewährte Dinge ändern? In den 1950er wurde sogar das Handbuch für die gute Hausfrau veröffentlicht. Ein Ratgeber für die Hausfrau, Ehefrau und Mutter, die hinter den Herd gehört. Viele nützliche Tipps lieferte das Handbuch der Fünfziger, darunter zum Beispiel, dass

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pixabay.com © ArtsyBee (CC0 Public Domain)

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  • die Frau sich schick machen soll. Sie soll adrett aussehen, da der Mann schließlich mit vielen erschöpften Menschen den ganzen Tag zusammen war.
  • die Frau glücklich sein soll, ihren Mann zu sehen.
  • erst der Mann vom Tag erzählt. Seine Gesprächsthemen seien schließlich interessanter, als die der Frau.
  • der Mann als Hausherr seinen Willen bekommt. Natürlich durch Fairness und Aufrichtigkeit durchgesetzt. Die Frau soll seine Entscheidungen übrigens auch nicht in Frage stellen.

In dem Handbuch steht übrigens noch, dass die Frau ihren Platz, also auch ihre Rolle in der Familie, stets kennt.

Warum sich die vermeintliche Rabenmutter etabliert hat

Nach den 1950ern kam schleichend, aber nachhaltig die weibliche Revolution. Frauen kämpften für ihre Rechte. Und sie gewannen den Kampf. Die Entwicklung ist aber offensichtlich noch nicht abgeschlossen. Denn Mamis gelten auch heute noch oft als Rabenmutter, wenn sie arbeiten gehen. Dabei hat die Rabenmutter im Job auch nur selten die Chance auf Karriere. Denn dort gilt sie als Supermami, bei der immer und zu jeder Zeit das Kind vor dem Job kommt.

Rabenmutter, Helikopter-Eltern, Latte-Macchiato-Mütter & Co.

Als Rabenmutter gilt nicht nur die berufstätige Mami. Rabenmutter kann fast jede Frau (scheinbar) sein. Die Rabenmutter vernachlässigt nämlich ihre Kinder. Und ob eine Mami ihre Kinder vernachlässigt, liegt immer im Auge des Betrachters. Das wiederum liegt am Weltbild, an den Moralvorstellungen und eigenen Werten. Wer anders tickt, kann schnell in die Schublade der Rabenmutter gesteckt werden. Die Hipster, die ihren Kindern auch mal Fast Food ausgeben. Die Vegetarier, die auch ihren Kindern Wurst und Fleisch verwehren. Die Latte-Macchiato-Mütter, die lieber mit Freundinnen im Café tratschen, als mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen. Rabenmutter ist also ein dehnbarer Begriff. Und oft gilt man schneller als Rabenmutter, als einem liebt ist. Solange die Kinder nicht ernsthaft gefährdet sind, sollten sich „Richter“ zurücknehmen und erst an die eigene Nase packen, bevor das vernichtende Urteil über die scheinbare Rabenmutter braust.

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