Geburtsbericht [Teil 2]: Ausflug auf die Stroke Unit

Wegen der Narkose kann ich mich nicht mehr an alles erinnern. Und mein dreitägiger Ausflug auf die Stroke Unit (Schlaganfalleinheit) erscheint mir heute, sieben Wochen nach der Geburt, extrem weit zurück zu liegen. Woran ich mich erinnere und wie ich die erste Zeit nach der Geburt meiner Tochter erlebte … Lies selbst 🙂

„Sie ist wunderschön!“

Es ist laut! Ich weiß, dass ich im CT stecke. Dann wirkt die Narkose wieder und ich bin weg. Ich öffne die Augen und jemand schiebt mich im Bett über den Flur. Ich nehme alles wie durch einen Schleier wahr. Jemand sagt mir, dass ich gleich mein Baby sehe.

Dann bin ich in einem Raum. Neben meinem Bett steht ein hohes kleines Wärmebettchen. Eine Schwester stellt sich mir vor und erzählt mir, dass sie sich um meine Tochter kümmert. An ihren Namen erinnere ich mich aber nicht mehr. Sie fährt das Wärmebettchen runter, damit ich von meinem Bett aus meine Tochter sehen kann. An der Seite öffnet die Schwester eine Luke. Ich stecke meine Hand hindurch und berühre den rosigen, weichen Arm meiner Tochter. Sie schläft. Ich halte die Luft an. Dann höre ich mich selbst flüstern „Sie ist wunderschön!“ Wie lange ich bei ihr bleibe weiß ich nicht. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Viel zu früh sagt mir jemand, dass ich jetzt weggebracht werde. Im CT war eine Re-Blutung sichtbar – der Grund, weshalb ich in ein anderes Krankenhaus verlegt werden soll.

Der Krankentransport ist bereits eingetroffen und wartet auf mich. Ich verabschiede mich von meinem kleinen Engel und verspreche, dass ich bald wieder bei ihr bin. Dann schiebt mich jemand zurück auf den Flur und shiftet mich auf eine Krankenbare um. Während der Fahrt im Krankenwagen telefoniere ich noch mit meinem Mann und meinem Bruder. Später erinnere ich mich aber nicht mehr daran. Circa eine halbe Stunde später, gegen 22 Uhr, erreichen wir das Krankenhaus. Der Rettungsdienst weiß nicht genau, wo wir hin müssen. Ich kläre auf: Station B3. Sie schieben mich zur Station und läuten. Der Nachtpfleger öffnet und wir erkennen uns sofort wieder. Stroke Unit. Ich bin zurück.

Gegen 2:30 Uhr läute ich nach der Nachtschwester. Ich flehe sie an: „Bitte schieben Sie mich auf den Flur oder geben Sie mir ein Schlafmittel, das mich umhaut!“ Meine Zimmernachbarin rodet ganze Wälder und nach meinem Kaiserschnitt möchte ich nur noch schlafen. Ich habe Glück. Die Schwestern finden einen neuen Platz und schieben mich samt Bett neben einen sehr stillen Herrn, von dem ich durch einen Vorhang getrennt bin. Endlich kann ich schlafen!

Ich reiße meine Augen auf. Neben mir klappert das Bett. Schlagartig ist mir klar wo ich bin. Irgendetwas stimmt mit dem Mann neben mir nicht. Ich läute nach der Schwester. Ich höre wie mehrere Leute zu dem Herrn neben mir kommen. Er hat einen Anfall und die Schwestern und Pfleger helfen ihm. Als es wieder ruhig ist schlafe ich weiter.

pixabay.com © TerriC (CC0 Public Domain)

Mit Kaiserschnittwunde auf der Stroke Unit

Es ist Samstag. Wochendendbetrieb – auch im Krankenhaus. Niemand kann mir sagen, wie lange ich hier bleiben muss. Und vor allem: Wann ich zurück zu meinem Baby darf. Erst am Montag soll ich mehr erfahren. Dann schauen sich die Ärzte meine Aufnahmen aus dem CT an und entscheiden wie es für mich weitergeht. Ein Arzt sagt mir, dass ich vielleicht sofort behandelt werden muss. Dann würden sie mein Baby nachholen und hier aufpäppeln. Mir schießen die Tränen in die Augen. Ich will zu meiner Tochter. Jetzt! Aber ich sage nichts. Ich weiß, dass es so im Moment für alle das Beste ist.

Ständig wuseln Schwestern um mich herum. Sie möchten mich „mobilisieren“. Ich soll aufstehen und laufen. In der Gynäkologie hätten mich die Schwestern schließlich noch am Freitagabend mobilisiert – sagen die eifirigen Schwestern. Sehe ich überhaupt nicht ein! Ich bin auf der Stroke Unit, nicht in der Gynäkologie. Weit weg von meinem Baby. Und außerdem habe ich bisher nur zwei Paracetamol gegen die Schmerzen bekommen. Und die Wunde tut weh! Also bin ich bockig und bleibe liegen. Bis zum Nachmittag habe ich mit meinem Protest großen Erfolg. Doch dann nehmen mir die Schwestern den Katheter weg. „Bloß nicht pinkeln müssen …“, denke ich mir und bleibe weiterhin liegen.

Anzeige

Mein Mann besucht mich und zeigt mir Fotos von unserer Tochter. Schon wieder schießen mir Tränen in die Augen! Die Schwestern bringen mir eine Milchpumpe, damit das Stillen in ein paar Tagen klappt. Dann hat der Mann neben mir noch zwei weitere Anfälle und wird verlegt. Kurz darauf bekomme ich eine neuen, recht unangenehmen Zimmernachbarn.

Am frühen Abend ist es soweit. Ich muss aufs Klo. Die Schwester hilft mir beim Aufstehen und verfrachtet mich in den Rollstuhl. Zwei Paracetamol später lassen die Schmerzen irgendwann etwas nach. Die Nachtschwester gibt mir schließlich noch etwas Paracetamol ohne Diskussion und intravenös. Wirkt schneller und besser als die Tabletten und meine gelegte Venennadel bekommt auch endlich einen Sinn.

Tag 2 auf der Stroke Unit

Ich wache auf. Es ist Sonntag. Noch ein weiterer Tag, bis ich mehr erfahre. Tränen laufen über meine Wange. Die Sehnsucht nach meinem Baby ist kaum noch auszuhalten! Mein Mann und meine Tante besuchen mich. Das lenkt ab. Am Nachmittag stehe ich auf und gehe ein paar Schritte mit der Schwester. Plötzlich fangen meine Ohren an zu sausen. Mein Kreislauf bricht weg und die Schwester hilft mir schnell, mich ins Bett zu legen. Später versuchen wir es erneut und das Laufen klappt besser. Diesmal bekomme ich schon vor dem Aufstehen Schmerztabletten. Geht doch!

Mein letzter Tag auf der Stroke Unit

Endlich ist Montag. Sehnsüchtig warte ich auf die Visite. Erneut sehe ich ein bekanntes Gesicht. Die Oberärztin kommt zu mir. Sofort ordnet sie an, mich so schnell wie möglich zu meinem Kind zu schicken. Die vermeintliche Re-Blutung war Fehlalarm. Zum Glück! Es waren nur Reste der alten Blutung, die das CT zeigte. Mir fällt eine unendlich große Last von der Seele. Ich kann es gar nicht glauben – in wenigen Stunden bin ich wieder bei meinem Baby! Die Schwestern organisieren den Krankentransport und ich informiere meinen Mann. Ich bin überglücklich!

Endlich darf ich mein Baby im Arm halten!

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Krankentransport auf der Stroke Unit an und es geht endlich los! Wir sind fast eine Stunde unterwegs. Dann „checke“ ich auf der Wochenstation ein. Hier auf der „Flauschi Station“ gefällt es mir auch gleich viel besser! Es ist schon früher Abend. Die genaue Uhrzeit weiß ich gar nicht. Ist aber auch nicht schlimm – hauptsache, ich sehe mein Baby!

Eine Schwester fährt mich schließlich im Rollstuhl auf die Neugeborenen-Intensivstation. Vor dem Bett meiner Tochter nimmt mich eine junge Schwester in Empfang. Und dann – endlich – war es soweit. Die Schwester holte mein Baby aus dem Bettchen und legte sie mir in die Arme. Stundenlag wog ich sie in den Armen, streichelte ihre Wange und ihre zarten Arme. Ich versprach ihr, dass jetzt ich auf sie aufpasse! Und genau das habe ich die letzten Wochen gemacht 🙂

No Comments

Leave a Comment