Aufruf zur Diskussionsrunde zu 13 Reasons Why

Am 31. März 2017 sorgte die Netflix Serie 13 Reasons Why (Tote Mädchen lügen nicht) für ordentlich Wirbel. Lange Zeit wehrte sich Netflix. Doch inzwischen hat das Unternehmen nachgegeben und blendet Warnhinweise zu Beginn der Folgen ein. Zu Recht?

13 Reasons Why

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Worum geht es bei 13 Reasons Why?

Unter dem Originaltitel 13 Reasons Why startete im März 2017 die Netflix-Serie, die auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher basiert. Die High school-Schülerin Hannah Baker liefert in ihrem Abschieds-Tape 13 Gründe, weshalb sie sich das Leben nahm. Und diese 13 Gründe haben Namen: In ihrem nächsten Umfeld gab es Menschen, deren Handlungen Hannah letztendlich zu ihrer grausamen Tat geführt haben sollen. Jeder von ihnen soll das Tape anhören und anschließend dem nächsten auf ihrer Liste weitergeben. Hält sich auch nur einer nicht an Hannahs letzten Willen, soll das Tape durch einen Eingeweihten an die Öffentlichkeit gebracht werden.

Je Folge der ersten Staffel steht ein Tape im Vordergrund: 13 Gründe – 13 Tapes – 13 Folgen.

Von seelischer Gewalt bis zur Vergewaltigung musste Hannah einiges über sich ergehen lassen. Den letzten Ausweg sah sie im Selbstmord, den der Zuschauer übrigens auch zu sehen bekommt.

Netflix bestätigte bereits, dass 13 Reasons Why in die nächste Runde geht und eine zweite Staffel ansteht.

Warnhinweise zu Tote Mädchen lügen nicht

13 Reasons Why sorgte für mächtig Wirbel – und das gleich auf internationaler Ebene. Die Stimmen der Kritiker sind schnell zusammengefasst: Junge und vor allem labile Menschen könnten zum Nachahmen von Hannah Bakers tat angeregt werden.

Eine Statistik der Jahre 2012 bis 2014 zeigt, dass die Suzidrate besonders hoch bei den 18 bis 19 Jährigen und den 25 bis 29 Jährigen besonders auffällig war. In den Medien erfährt man allerdings nur selten von den Selbstmordfällen. Und das hat genau den gleichen Grund, wie ihn bereits die Kritiker der Serie 13 Reasons Why anführten: Eine öffentliche Darstellung von Selbstmorden birgt die Gefahr der Nachahmung!

Ich selbst habe mir die Serie angesehen. Und ich kann die Kritik gut verstehen. Mein Kind würde ich diese Serie auf gar keinen Fall alleine ansehen lassen, sondern wäre mit dabei und würde im Anschluss auch darüber sprechen. In Deutschland gibt es übrigens scheinbar keine offizielle Altersfreigabe für die Serie. Wer also überlegt, ob er sein Kind die Serie sehen lassen möchte oder nicht, sollte sich erst selbst ein Bild davon machen und vielleicht schon mal vorher rein schalten – und anschließend abwägen.

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Diskussion zur Serie mit mir selbst: Achtung Spoiler!

13 Reasons Why

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Wer die Serie noch nicht gesehen hat, sich aber dafür interessiert, sollte jetzt nicht weiterlesen. Denn ich verrate an dieser Stelle natürlich auch einen Teil des Inhalts von Tote Mädchen lügen nicht. Es gibt eine Szene, die mich vor ein besonders großes Fragezeichen stellte: Die Vergewaltigungs-Folge. Hannah Baker hatte bereits in einer früheren Folge, versteckt im Schrank, mit angesehen, wie ihre sternhagelvolle Freundin von einem Mitschüler vergewaltigt wurde. Dieser Mitschüler feiert später eine Party, zu der auch Hannah geht. Sie hüpft nur in Unterwäsche bekleidet in den Whirlpool und ist kurz darauf mit dem Vergewaltiger ihrer Freundin alleine. Und dort ereilt sie ihr eigenes Schicksal. Warum ist sie überhaupt auch nur in die Nähe des Hauses gegangen, in dem der Vergewaltiger ihrer Freundin lebt? Warum hat sie niemandem davon erzählt?

Hannah Baker sieht in den 13 Gründen die Auslöser, die sie in den Selbstmord getrieben haben. Es sind die Mitschüler – und ja, auch der Vertrauenslehrer, denen sie die Schuld an ihrem Suizid gibt. Macht sie es sich damit nicht zu leicht? Heißt es nicht: „Jeder ist seines Glückes selber Schmied“?

Love it, change it or leave it!

Es gibt einen Spruch, der auch mich schon oft durch mein Leben begleitet hat: Love it, change it or leave it! Mit „leave it“ ist allerdings diskussionslos gemeint, dass man sich nach etwas Neuem umsehen soll, wenn ein Lebensumstand unerträglich scheint. Zum Beispiel neuer Job, neue Schule, neuer Wohnort, neue Freunde.

Sicher scheinen manche Situationen im Leben ausweglos zu sein. Doch auch wenn man sich alleine fühlt: Es gibt immer jemanden, dem man etwas bedeutet. Der Mutter, dem Vater, den Großeltern, dem Freund, der Freundin, den Geschwistern. Hannah hätte sich ihren Eltern anvertrauen sollen. In der Serie kommt für mich ganz klar hervor, dass sie ihre Tochter über alles lieben. Und ich bin mir sicher: Sie hätten alles getan, um Hannah zu helfen. Gemeinsam hätten sie mit ihrer Tochter einen Ausweg gesucht und bestimmt auch einen gefunden. Dann hätte Hannah die Chance gehabt, ihr Leben zu leben und ihre Träume zu verwirklichen. Und sie hätte nicht ihren Eltern das wertvollste entrissen, das sie hatten – ihre Tochter.

Habt ihr die Serie auch schon gesehen? Wie steht ihr dazu und was hat bei euch Diskussionsbedarf ausgelöst? Ich freue mich auf eure Kommentare!

Anlaufstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche

Eines ist mir noch besonders wichtig: Wenn du glaubst, dass du nicht mehr kannst, dass dein Leben nicht mehr lebenswert ist und du düstere Gedanken hast, die dich schleichend nahe an den Abgrund zum Suizid treiben, dann mach nicht den gleichen Fehler wie Hannah Baker. Sprich mit deinen Eltern oder Geschwistern. Hol dir Hilfe – und fordere diese notfalls mit Nachdruck ein. Selbst wenn deine furchtbare Situation im eigenen Elternhaus stattfindet. Es gibt Einrichtungen, die dir helfen können und möchten. Das Leben ist schön! Du bist für mindestens einen Menschen das Wichtigste in seinem Leben! Geh raus und entdecke die Welt!

Wenn du nicht weißt, an wen du dich wenden kannst, gibt es Einrichtungen, die dich (auch anonym) beraten und dir helfen können. Ich habe hier ein paar aufgelistet:

4 Comments

  • Jill Juli 19, 2017 at 9:32 am

    Ich muss unbedingt auch einen Beitrag dazu schreiben… denn ich finde die Serie extrem gut und sie zeigt einfach auf, wie sich Betroffene fühlen. Ich finde, man sieht total wie schnell ein Wort etwas in einem Menschen zerstören kann.
    Als Mensch, der nie jahrelanges Mobbing miterlebt hat kann man sowas manchmal nicht nachvollziehen und sich schwer hinein versetzen. Zu der Vergewaltigung: ja sie wusste, dass es das Haus des Vergewaltigers ist. Wenn man jedoch so lange unter Mobbing leidet wie Hanna ist es oft so, dass man dann lieber etwas mit seinen Mobbern unternimmt und Risiken auf sich nimmt statt komplett alleine zu sein.

    Insgesamt kann ich Hannas Situation gut verstehen. Was sie in 2 Jahren erlebt habe, musste ich 10 Jahre mitmachen. Und ich habe alles erlebt was sie als Gründe aufzählt bis hin zu mehr. Ich leide seit ich 14-15 bin unter Depressionen und Panik Attacken. Ich bekomme keinen Psychater an die Hand, weil ich noch keinen Versuchten Selbstmord hinter mir habe. Alle in meinem Umfeld schalten auf Durchzug wenn ich darüber reden will. Es ist wie eine Spirale aus der man nicht raus kommt, egal wo hin man geht man fühlt sich alleine. Manchmal ist das Leben nicht schön. Manchmal dauern die schlechten Phasen länger als die schönen an. Und dann ist es nicht nur manchmal…

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    • Anjulie Juli 19, 2017 at 9:47 am

      Ich gebe dir natürlich Recht. Das Leben kann ein – entschuldige die Wortwahl – ein echtes Arschloch sein. Aber mit den richtigen Leuten, die einem den Rücken stärken, kommen auch wieder bessere Zeiten. Vielen Dank, dass du so offen kommentiert hast! Dass dein Umfeld auf „Durchzug“ stellt, ist sehr schade und über die Gründe kann man meist nur spekulieren. Ich kann dir aber gerne anbieten: Wenn du dich mal auskotzen möchtest oder ich irgendwie helfen kann, dann melde dich. Je nachdem wonach dir ist, lese ich deine Mail nur oder antworte darauf. Ich hoffe, dass bei dir der Wendepunkt bald kommt und du dem negativen Teil des Lebens einfach mal erhobenen Hauptes den Mittelfinger zeigen kannst!

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  • Danie Juli 19, 2017 at 12:46 pm

    Ich hab selber vor kurzem einen Blogpost dazu geschrieben.

    Ich finde man kann alles aufschaukeln, dann dürfte man auch keine Horrorfilme mehr zeigen usw.

    LG Danie

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    • Anjulie Juli 19, 2017 at 2:40 pm

      Vielen Dank für Deinen Kommentar – Deinen eigenen Beitrag dazu lese ich natürlich auch gleich 🙂 Ich stimme Dir zu, dass man es nicht künstlich aufbauschen sollte. Allerdings stehe ich auch hinter der Experteneinschätzung, dass gerade psychisch Labile (Jugendliche wie auch Erwachsene), nicht unbedingt gut beraten sind mit einer „Suizid-Serie“. Da die Serie ja offiziell keine Altersfreigabe in Deutschland hat, sollten Eltern meiner Einschätzung nach schon abwägen, ob ihre Kinder für solch ein Thema bereit sind. Es kommt ja auch darauf an, wie es um die geistige Reife besteht. Beispielsweise sind manche 16-Jährige reifer als manch 40-Jährige. Und dafür sollten Eltern die Serie kennen. Da grenze ich aber auch Horrorfilme, Psychothriller & Co. nicht aus.

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